Tante Elke.

Sie hat heute geweint am Telefon.
Ich weiß nicht wie lange es her ist dass ich meine Mutter weinen hörte?
Es müssen Jahre sein!
Am Samstag starb meine Tante Elke.
Sie wurde nur 65 Jahre alt.
Irgendeine Verkalkung im Darm, hieß es.
Tante Elke und ich hatten eine… nennen wir es vorsichtig „schwierige“ Beziehung.
Sie war die Frau meines (damaligen) Lieblingsonkels.
Ich sah sie nur noch sehr selten in den letzten Jahren.
Und wenn wir uns sahen, dann war es so wie früher. Sie liebte es mich zu beleidigen, zu verletzen.
Als sie erfuhr dass ich Vegetarier wurde sagte sie nur lapidar: Ich wusste schon immer dass der schwul ist!
Als ich sie vor etwa drei Jahren das letzte Mal sah, da schaffte sie es tatsächlich, mich schon vor der Begrüßung zu beleidigen, in nur einen Satz packte sie gleich zwei Gehässigkeiten.
Ihr Mann war mein Lieblingsonkel.
Nach der Wende konnten sie sich offen zu ihrem Nationalsozialistischen Gedankengut bekennen ohne Angst vor Strafe haben zu müssen. Und dann zog er sein Braunhemd an und ging mutig durch diese kleine langweilige Stadt in der Mark Brandenburg.
Ich konnte mit diesen Leuten nicht mehr reden, brach den Kontakt zu ihnen ab.
Bei jedem Gespräch ging es um die Ausländer die “unsere guten deutschen Mädchen vergewaltigen und das deutsche Blut vermischen”.
Ich kotzte nach innen und wenn sie meine Eltern besuchten (sie wohnen in derselben Straße) dann nahm ich das Rad und fuhr die alten Straßen der Kindheit ab. Ich kam nie zurück wenn die noch in der Wohnung waren.
Als ich vor einigen Tagen von ihrem Tod erfuhr betete ich für ihren Mann und dessen Tochter. Sie taten mir Leid wegen dem Verlust. Einen Menschen zu verlieren ist immer grausam.
Aber ich konnte dort nicht anrufen, keine Trauer vortäuschen.
Eine Sache tut mir bis heute noch so schrecklich weh:
Meine Mutter ist eine leise und liebe Frau. Das weiche habe ich von ihr.
Und sie hat Parkinson.
Sie zittert beim Gehen und ihr linkes Bein gehorcht ihr nicht mehr ganz.
Meine Cousine (die Tochter von Tante Elke) eröffnete vor einigen Jahren ein Nagelstudio in dieser Kleinstadt.
Zur Eröffnung wurden alle eingeladen. Auch die Verwandten und Freunde.
Meine Mutter stand mit Blumen in der Tür des Studios und Tante Elke rannte auf sie zu, zog sie zur Seite und beschimpfte sie dass SIE nicht hinein dürfe, damit eventuelle Kunden nicht dächten, dass hier auch Verrückte bedient würden! (Weil sie “komisch und langsam” geht rufen Kinder meiner Mutter nach: Da kommt die Verrückte! Also traut sie sich nicht mehr in die Stadt. Kinder sind toll. Aber sie können auch grausam sein!)
Tante Elke war mit dem Bruder meiner Mutter verheiratet, Familie!
Als meine Mutti 60 wurde wollte sie an ihrem eigenen Geburtstag nach dem zweiten Stück Kuchen greifen. Die Krankheit, bzw die Tabletten machten meine Mutti dicklich und kurz darauf machen andere Tabletten sie skelettartig dünn. Es geht hin und her. Und da sagte Tante Elke vor allen Besuchern: Bärbel, du bist eh schon so fett, willst du da wirklich noch ein zweites Stückchen Kuchen essen?!
Meine Mutti hat sich so geschämt!
Und nein, sie traute sich nicht mehr ein zweites Stück Kuchen zu nehmen!
Ich habe das nie vergessen. Das und ihre Nazischeiße kann ich nicht löschen aus meinem Gehirn. Das nicht! Und ich halte nichts davon – das tat ich wirklich nie! – nach dem Tod eines Menschen sich zu erinnern wie toll und liebenswert er doch war, wenn es einfach nicht stimmte.
Mutti, dass grade DU um sie weinst lässt mich weinen!
Auch dafür liebe ich dich!

7x gerumpelt | mitrumpeln?

  1. Sidhe

    Das ist sehr bewegend …
    Und ich sehe, wie gut meine Kindheit doch eigentlich war (nicht falsch verstehen!!).
    Mein Opa hatte auch Parkinson … oh ja… und dadurch sogar Halluzinationen, war alles sehr schlimm… ich weiß wie es ist, lieber Rumpel …

    Sternenhelle Grüße an dich.

  2. sternenwanderin

    Das berührt… Sehr.

  3. annajuliana

    Ich finde das auch sehr ergreifend.
    Vielleicht ist in Tante Elkes Leben etwas falsch gelaufen, was sie so grausam machte. Ich finde es sehr stark von deiner Mutter ihr diese Demütigungen nicht anzukreiden. Das zeigt viel mehr Stärke als das was deine Tante gemacht hat…

  4. rebenwanderin

    Ich finde, Du hast nicht nur das “Weiche” von Deiner Mutter, sondern auch diese Kraft und diesen Mutter und Aufrichtigkeit, die Deine Mutter zu haben scheint.
    Verschnupfte Grüße in die Geisterstadt

  5. rebenwanderin

    (soll natürlich ‘Mut’ heißen, in der zweiten Zeile)

  6. Rumpelwald sagt:

    @ Sidhe, Sternenwanderin… vielen Dank für eure Worte!
    @Anna Juliana, das denke ich auch; etwas ist falsch gelaufen in ihrem Leben.
    Sie konnte nie das Westentliche sehen, weißt du. Das ist das was ich mit ihr immer verbunden habe. Ihr Aussehen war ihr immer das wichtigste. Nur das! Nichts anderes. Dann kamen ihre Rassekatzen die oft mit dem teuersten Schinken gefüttert wurden und jede noch so dämliche Katzenschau mitmachen mussten. Ihre Tochter durfte nie essen wie oder was sie wollte. Mit Anfang 20 ging sie in die Klinik. Denn zu diesem Zeitpunkt war sie schon in die Magersucht getrieben worden. Sie sollte auch körperlich aussehen wie Tante Elke. Sabine machte sich auch nur aus diesem Grunde selbstständig, ihr blieb keine andere Wahl. Von 12 Monaten im Jahr verbrachte sie die meisten Monate in Klinken, kein Arbeitgeber macht sowas lange mit. Ich bin wirklich heilfroh dass ihr Studio läuft und sie echt ne Menge Stammkunden hat, selbst aus benachtbarten Orten kommen die extra angereist.
    @ Rebenwanderin,
    danke für deine lieben Worte!

  1. 1 Abschied. - Rumpelwald

    [...] darum gekümmert, aber mein Nazi – Onkel wollte keinen Pfarrer. Er empfahl die Rednerin die auch bei seiner Frau gesprochen hatte. Mein Vater wollte das dann auch so haben. Ich kam nicht dagegen an. Aber Mama war [...]



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