Das möchte ich seit gestern in die Welt schreien: Johannes war hier, hier auf der Erde. Bitte vergesst ihn nicht!
Ich schreibe das jetzt weil Johannes diesen Eintrag verdient hat.
Er lebt ja noch und noch können Menschen ihre guten Gedanken zu ihm schicken.
Kiel. Gestern. Kurz nach 10 Uhr.
Ich war auf dem Weg zum Bahnhof um mich ein letztes Mal mit Anne zu treffen.
Bin früh losgegangen um endlich aus diesem Backpacker – Hostel verschwinden zu können.
Nur noch wenige Hundert Meter war ich vom Bahnhof entfernt.
Ich ging an einer Bank vorbei die etwas seitlich neben einer Bushaltestelle stand.
Als ich etwa sechs oder sieben Meter weiterlief hatte ich ein ganz seltsames Gefühl bekommen, so, als müsste ich mich auf diese Bank setzen.
Doch da saß schon jemand.
Außerdem wollte ich zum Hafen gehen und mich dort hinsetzen. Den Fähren noch einmal meine Blicke hinterherschicken, ja… das wollte ich eigentlich.
Aber mein Gefühl zwang mir diese Bank auf!
Diesem Gefühl muss ich nachkommen. Immer. Es verfolgt mich seit meiner Kindheit.
Gut, also die Bank.
Ein alter Mann saß dort.
Ich setzte mich neben ihn hin.
Es verging keine Minute da sprach er mich an.
Seine erste Frage weiß ich leider nicht mehr.
Mir war ohnehin nicht nach reden.
Ich wusste, dass ich mich jetzt bald von meiner Lieblingsfranzösin verabschieden müsse und war dadurch nicht grade in bester Stimmung.
Dann erzählte er mir seine Geschichte:
Lieber Leser von Rumpelwald.
Bitte, ich will euch diesen alten Mann an euer Herz drücken … ich will eure Sinne, eure Ohren schärfen für einen Vergessenen, für einen Ungewollten!
Ich bitte hier selten um Aufmerksamkeit, doch dieser Mann hat sie verdient!!!
Während ich hier schreibe könnt ihr mich nicht sehen. Selten war ich so froh darüber wie jetzt in diesem Augenblick…, denn mir laufen die Tränen über die Wangen.
Sein Name ist Johannes. Johannes Petersen um genau zu sein.
Johannes wird im nächsten Monat 81 Jahre alt.
In Kiel ist er in diese Welt gesetzt worden.
Weil er eine Hasenscharte hat gab ihn seine Mama ins Kinderheim.
Sie wollte so ein hässliches Kind nicht haben, wurde ihm gesagt als er größer wurde und nach seiner Mami fragte.
Und so blieb er im Heim und wurde von den anderen Kindern gehänselt.
Er bekam Spitznamen die er nicht aussprechen wollte und seine Augen guckten mich glasig an.
Als er aus dem Heim kam wurde er Boxer. Nur ganz kurz, denn er hatte Hunger und verdiente sich so etwas Geld.
Das war 1945, kurz vor Kriegsende.
Dann ging er nach Aalen und wurde Bergmann.
Ganze 45 Jahre lang malochte er unter Tage.
Und immer wieder dachte er an seine Mami.
Er wollte so gerne wissen wo er herkommt.
Das Deutsche Rote Kreuz half ihm bei der Suche… und tatsächlich, sie haben sie gefunden!
Also kaufte Johannes Blumen, schlüpfte in einen geliehenen Anzug um einen anständigen Eindruck zu machen.
Er stand Minutenlang vor ihrer Tür bis er sich endlich traute zu klingeln.
Guten Tag! Ich… ich bin der Johannes! Ich wollte…
Die Frau wurde wütend und sagte laut dass sie keinen Jungen mit Hasenscharte hat, weder haben wollte noch haben will! Dann knallte sie die Tür zu!
Er saß weinend auf der Treppe.
Später erfuhr er, dass er noch zwei Brüder und zwei Schwestern hat.
Er versuchte mit ihnen in Kontakt zu kommen, zumal einer sogar in der Nähe von Kiel wohnt. Die Daten stimmten, die Angaben stimmten… aber die Mutter hätte ihm immer verleugnet sagte ein Bruder zu ihm am Telefon.
Doch keiner von den vier Geschwistern war jemals dazu bereit Johannes kennen zu lernen.
Und auch Freunde habe er kaum gehabt, sagt er. Sie wollten nichts zu tun haben mit ihm.
Kollegen waren bei der Arbeit freundlich, wollten aber privat nicht mit ihm gesehen werden…
Johannes schnäuzte sich die Nase.
Er bot mir eine Zigarette an.
Ich sagte dass ich nicht rauchen würde und dann steckte er die Packung wieder ein.
Seine Hände zitterten.
Er zog eine Brieftasche aus seiner Hose.
Guck mal, das ist meine Frau! Ist sie nicht hübsch?!
Seine Frau sah sehr nett aus, sie gefiel mir auf dem Bild.
Aber nun ist sie tot.
Er erzählte mir, dass im laufe der Jahre immer wieder Menschen zu ihm sagten: Wie kann ein so hässlicher Mensch wie Sie eine so hübsche Frau abbekommen?! Und Johannes sagte dann immer: Weil es auch auf das Herz ankommt und nicht nur auf das Aussehen!
Er streifte liebevoll mit der Rückseite seiner Hand über das Foto.
Johannes hat jetzt eine neue Frau. Sie ist auch sehr nett, sagt er.
Sie gehen Tanzen weil doch Johannes so gerne tanzt.
Und die Leute gucken und bewundern wie er tanzen kann, erzählt er stolz, und keiner lacht dort über die Hasenscharte.
In diesen zwanzig Minuten kämpfte ich mehrfach mit den Tränen.
Beim Verabschieden gaben wir uns kräftig die Hand und ich sagte zu ihm, dass er auf sich aufpassen soll!
Und etwas verlegen fragte ich ob ich ein Foto machen könne um es hier zu zeigen.
Ja sicher!
Aber wieso sollte sich jemand für mich interessieren? Es hat sich in meinem Leben kaum einer für mich interessiert.
Und genau DESWEGEN bekommt Johannes diesen Eintrag von mir!
Na, dann machen wir mal das Foto, oder? Er lächelte mich spitzbübisch an.
Johannes rückte seine Mütze zurecht und schlug die Beine übereinander.
Dann musste ich lächeln denn unter seiner akkuraten Hose trug er doch tatsächlich Snoopysocken!
Der Mann ist echt ein Original.
Nein Johannes, ich vergesse dich nicht!
Danke Gott, für diese Begegnung!

Johannes, Kiel, 8 Juli 2009, ca: 10:20 Uhr
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Pingback || 30. Juli 2009 || 23:15
[...] macht er das nur? Ich habe ihm doch nur geschrieben, was ich empfand, als ich auf seinem Blog von Johannes las. Wie sehr mich das berührt hat. Dass es meine Tränendrüsen befreit hat. Und dann schreibt er [...]
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Pingback || 09. August 2009 || 11:12
[...] alles so einfach sein. Krasser Artikel von Moritz, der mir sehr gut in Erinnerung geblieben ist. – Johannes war hier Gänsehautfaktor! – Zwischenstand Filmjournalist Julian suchte ein neues Auto und hat alles [...]
09. Juli 2009 || 18:27
Danke für die schöne Geschichte! Es idt schön das es Menschen wie dich gibt und schade das es so viele oberflächliche Leute gibt, die meinen Johannes wäre ein schlechterer Mensch.
“Weil es auch auf das Herz ankommt und nicht nur auf das Aussehen!”
Das sollten sich viel viel mehr Menschen zu Herzen nehmen!
Und außerdem: Die Socken sind spitze! Ich liebe Snoopy
09. Juli 2009 || 18:42
wunderschön, dein herz blüht, ich bin gerührt.
wunder, wunderschön. für mehr fehlen gerade die worte.
WUNDERSCHÖN!
09. Juli 2009 || 18:56
Rumpel, ich mag es, deine Worte zu lesen. Eine sehr schöne Geschichte über ein bemerkenswerten Menschen. Wenn du Johannes noch einmal triffst, richte ihm Grüße aus.
Spread the smile – faby
09. Juli 2009 || 19:05
Ist doch ein ansehnlicher Mensch! Die Menschen spinnen, um es mit Obelix Worten auszudrücken! (naja fast
)
09. Juli 2009 || 19:06
ich bin recht sprachlos, weil es einfach ZU schön ist, um Worte zu finden.
übrigens sehe ich da weder eine Hasenscharte noch einen häßlichen mann.
davon abgesehen bezeichne ich Menschen, die ein gutes Wesen haben, als schön, weil sie es WIRKLICH sind. WAHRE Schönheit hat nichts mit unserer Haut zu tun….
wenn ich von Johannes lese und ihn ansehe, sehe ich einen SCHÖNEN Menschen.
Danke dafür.
09. Juli 2009 || 19:06
Ach, und die Socken, also die sind wirklich herzig
09. Juli 2009 || 19:25
*Träne aus dem Auge wisch*
Mein Opa trug auch immer so eine Mütze.
Und das sind Menschen, die dein Leben berühren und verändern, doch du wirst nie wieder was von ihnen hören, bzw wirst nicht mal merken, wenn sie diese Erde verlassen. Erschreckend finde ich sowas manchmal!
Grüsse
09. Juli 2009 || 20:20
Seltsam, ich sehe da auch nur einen ganz normalen, aber irgendwie knuddeligen älteren Herrn. Nichts hässliches ober gar abstoßendes.
Muss mal schauen, ob Johannes mir hier auch mal über den Weg läuft.
09. Juli 2009 || 20:28
Du bist echt großartig. Danke für diesen schönen Beitrag! Ich werde an Johannes denken!
09. Juli 2009 || 20:51
Aaaah, das ist einer der tollsten Einträge seit langem!
Und meine Güte, der gute Johannes sieht wirklich SEHR symphatisch aus – wo ist das Problem? Ein ganz toller Mensch glaube ich.
Und die Socken sind DER Knaller. Er hat eben Stil
09. Juli 2009 || 21:54
Ich finde, er sieht total nett aus – keiner der Rentner, die sich im Supermarkt vordrängeln und dabei auch noch rumnörgeln, sondern einer der lieben Art. (: [Die Socken sind genial!]
Vielleicht – die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, aber man kann ja nie wissen – sehe ich auf dem Weg von/zur Uni ja irgendwann mal jemanden, der wie Johannes aussehe und frage ihn, ob er den Rumpel kennt.
Danke für die Geschichte! Es ist so schön, wie du immer wieder wildfremde Menschen zum lächeln bringen kannst, wie sie dir ihre Geschichten erzählen und du uns dann hier berichtest.
Einen wundervollen Abend dir, lieber Rumpel! Und fühl dich gedrückt, falls du magst. (:
09. Juli 2009 || 22:07
Das er dir das alles erzählt hat. Ich habe oft mit den alten Menschen im Gemeindezentrum zu tun. Hast du vielleicht sogar seine Adresse? Nicht oder? dann hätten wir ihm eine Karte schicken können zum Geburtstag oder zum Weihnachtsfest.
09. Juli 2009 || 23:35
Schade eigentlich, dass er nicht lesen kann was du hier geschrieben hat, vielleicht mache ich eine Suche in der Stadt um ihn wieder zu finden, und um ihn zu sagen, dass so viele Leute heute heute ihn kennen, und ihn bestimmt schon mögen
Er würde sich sicher freuen 
bisous bisous!
09. Juli 2009 || 23:37
@blablabla&petterson: ich fände das eine wirklich tolle idee
kann mich nur anschließen…schön geschrieben, und johannes schaut sympathisch aus…alles gute
10. Juli 2009 || 14:06
Den Johannes wiederzufinden, und ihm das hier zu erzählen, man das wäre aber wirklich toll!!
10. Juli 2009 || 20:05
Ihr seid lieb! Wäre schön, wenn der Johannes gefunden würde.
10. Juli 2009 || 20:44
@ Alle
Ich schaffe es nicht auf all die Kommentare einzeln einzugehen.
Aber ich überlege Kontakt zu ihm aufzunehmen, Anne hat da etwas gefunden.
Ich schau mal…
Danke für all die lieben Kommentare!
Und JA(!) ich fand ihn sehr nett und sympathisch!
Es war eine sehr wichtige Begegnung für mich…
Mal gucken, ich werde vielleicht im September noch einmal nach Kiel fahren. Wie gesagt, Kiel ist nicht gestorben für mich
10. Juli 2009 || 21:11
Oh ist das schön…
Hallo Johannes!
12. Juli 2009 || 13:45
… wunderschöne Begegnung, die nicht nur dir, sondern sicherlich auch ihm gut getan hat und er nicht vergessen wird… weißt du was mich manchmal wundert? Das Menschen manchmal so schnell ihr Herz ausschütten und das liegt an dem MEnschen, dem sie gegenüber “stehen”… Dass er dir so offen seine Geschichte erzählt hat zeigt von großem Vertrauen dass zwischen euch stand, obwohl ihr euch vorher nicht noch nie gesehen habt.
Ich bin gerührt und ich hoffe dass er in seinem Leben noch wunderschöne, geniale Begegnungen haben wird, die sein Herz erwärmen und seine Vergangenheit zwar nicht vergessen lassen, aber ihn ermutigen und auferbauen ….Gott segne diesen Mann… , Lieber Gott, bitte segne Johannes.
12. Juli 2009 || 16:23
Ich danke euch allen hier für die schönen Kommis!
Die Anne hat da etwas für mich versucht… Wir werden mal gucken was daraus wird
08. August 2009 || 17:49
die geschichte, das erlebnis, hat mich echt zu tränen gerührt. wunderschön!
09. August 2009 || 14:12
@ Claudia

Vielen Dank für den lieben Kommentar!
@ Faby von Mokita
auch hier noch ein Danke von mir!
Mehr kann ich heute im Netz einfach nicht hinterlassen…
Liebe Grüße euch
09. August 2009 || 14:59
Johannes hat sicher mehr Herzen berührt und Menschen glücklich gemacht als seine “Mutter”.
Und diese hat nach 45 Jahren noch nichts gelernt. Wie oberflächlich und blöd.
Man kann ja nicht sagen, diese Frau war umsonst auf der Welt… denn sonst gäbe es ja Johannes nicht!
Und die Geschwister….. der gleiche Schlag..?
Und so hat es etwas Gutes; wäre Johannes “gesund” auf die Welt gekommen, wäre er vielleicht so geworden, wie seine Mutter und Geschwister…
und genau davor hat ihn das Schicksal bewahrt!
Danke!
16. Dezember 2009 || 15:14
… eine sehr ergreifende geschichte !
eine wunderschöne begegnung die hier klasse beschrieben wurde.
Menschen wie Johannes machen die Welt farbig und auch innerlich sehr wegweisend.
LG
Matthias
16. Dezember 2009 || 21:09
Danke Matthias für den netten Kommentar! Ja, Menschen wie Johannes färben die Welt ein
Rumpelgrüße
29. Mai 2010 || 00:26
Man sowas geht mir als gelernter krankenschwester ans Herz.
Ich bin eine der wenigen die sich geschichten von alten Menschen anhören kann…und das auch immer und immer und immer wieder die gleiche ohne das es mir langweilig wird.. alte Menschen haben so viel zu sagen, so viel zu berichten, so viel beizubringen…aber niemand hört ihnen zu….sehr sehr schade….
05. Juni 2010 || 15:20
Niedlich der Mann.. irgendwie schön.. ich mag die geschichte und ich mag die snoopysocken die er trägt
05. Juni 2010 || 19:21
@ Wolke
Ich danke dir für den lieben Kommentar!
Mir gefällt sehr was du über die alten Menschen sagst…
Schööön!
06. Juli 2010 || 21:31
Du, Rumepl?
Ich hab den Eintrag heute vormittag auf der Arbeit gelesen. Gut, dass niemand gesehen hat, dass mir die Tränen die Wange runterliefen. Der Eintrag ist zwar schon alt, aber er ist in der Sidebar unter “beliebteste Artikel” und ich musste ihn einfach lesen.
Auf der Arbeit sehe ich deine Bilder nicht (der Uploadservice ist wohl gesperrt, naja die liebe EDV…). Es war ein Tag der Vorfreude, mir zuhause das Bild anzusehen. Mein Gedanke war immer: Ein Mensch mit Hasenscharte ist nicht hässlich. Er sieht vielleicht anders aus als das, was als normal angesehen wird, aber hässlich ist es nun wirklich nicht. Und heutzutage werden Hasenscharten sowieso schon im frühesten Kindesalter operiert. Dafür ist Johannes leider zu früh auf diese Welt gekommen…
Hattest du nochmal Kontakt zu Johannes?!? Das würde mich so sehr freuen!
Und weißt du was? Der hat sogar ziemliche Ähnlichkeit mit dem Zwillingsbruder meines Opas. Jetzt würden manche denken, er habe auch Ähnlichkeit mit meinem Opa gehabt und ja, sie waren eineiige Zwillinge, aber Johannes passt besser zu Onkel Alfred…
09. Juli 2010 || 17:01
@ Jana
Dein Kommentar hatte mich sehr berührt!
Ich danke dir dafür, dass du dem Johannes etwas von deinem Herzen abgegeben hast! Gedanken und Gefühle kommen immer irgendwie an…
Nein du, ich habe keinen Kontakt zu ihm. Weißt du, die Anne hatte mir seine Adresse besorgt, aber ich konnte mich mit meiner Angst nicht zurückhalten, dass wir dann eine Art Briefverbindung haben würden (eventuell). Ich werde so schon den Leuten nicht gerecht mit den ganzen Mails die ich kaum beantworten kann, den SMS, Anrufen ect.. Immerhin habe ich es jetzt geschafft FAST nichts mehr über Twitter von fremden Menschen zu beantworten, was ein Fortschritt ist. Wenn ich etwas beantworte dann Blogge ich in der Regel nicht. Muss mich immer entscheiden. Entweder Mail oder Bloggen. Beides geht einfach nicht mehr.
Weißt du, wenn ich wieder in Kiel bin melde ich mich bei ihm! Das hatte ich von Anfang an vor und werde es auch machen. Dann könnte ich mich treffen mit ihm, DAS würde ich mir SEHR wünschen! Und weil meine Lieblingsfranzösin bald wieder in Kiel wohnen wird steigen meine Chancen auch wieder hinzuzkommen
Ich danke dir sehr für den schönen Kommentar!
Allerschönste Rumpelwiesen dir