Chronologie der Ereignisse (1)

Ich danke Gott für die Tüte die er über meine Person gezogen hat.
Nun bin ich ein Tütenmensch. Gedämpft in allem was ich bin.

Als am Samstag der Anruf kam dass meine Mama im Sterben liegt passierte etwas ganz merkwürdiges: Ich konnte nicht weinen, und alles was ich ab da empfand, hörte oder sah ich nur gedämpft, so, als würde ich es nur Unbewusst wahrnehmen.
Ich kann das nur so erklären: Es ist, als hätte jemand eine Ganzkörpertüte über meinen Kopf und Körper gezogen damit ich alles nur noch gedämpft erleben muss.
Und nur so konnte ich nach Luckenwalde fahren und meinem Vater beistehen, Entscheidungen treffen, mit Ärzten reden, mich um alles kümmern was eben anfällt.
Bisher habe ich nur funktioniert.
Für MEINE Gefühle war noch kein Platz.

Mein Vater sagte mir, dass es ihm so eine Hilfe war dass ich gekommen bin.
Dann sagte mein Onkel, dass er sich wundert, dass ich so gefasst wäre um noch handeln zu können.
Meine Cousine sagte zu mir, dass doch grade ICH so nah am Wasser gebaut bin, ich nun aber völlig ruhig wirkte und dass auch ihr Eindruck ist, dass mein Zusammenbruch noch kommen würde, ich aber jetzt scheinbar erstmal funktionieren müsse um meinen Vater zu helfen.
Es sind gute Beschreibungen.

Ich esse und trinke.
Gestern und heute Nacht habe ich wieder schlafen können.
Mein Vater konnte nichts essen. Und schlafen sowieso nicht.
Am dritten Tag versuchte er ein Brötchen zu vierteln. Er aß und erbrach es bald darauf wieder.

Das habe ich von ihm, dass mir alles auf den Magen schlägt.

Umso erstaunlicher ist es auch für mich dass ich essen konnte. Zu schlafen funktionierte allerdings auch bei mir nicht die Tage in Luckenwalde.

Ich versuche ab jetzt chronologisch zu erzählen was in diesen Tagen geschah.

Nachdem mein Vater mich am Freitag nicht erreichen konnte – weil mein Telefon herausgezogen war – schaffte er es dann am Samstag.
Er sagte nur: Mama liegst im sterben! Und dann weinte er.
Ich sagte daraufhin: Was? Nein! Oh nein! Pass auf, ich versuche so schnell wie möglich nach Luckenwalde zu kommen!
Eine Stunde später nachdem ich mich um eine Mitfahrgelegenheit bemühte – aber keine mehr fand – zog ich mich an um mit meinen gepackten Rucksack zum Bahnhof zu gehen.

Als ich das Haus verlassen wollte sah ich einen dicken Umschlag aus meinen Briefkasten ragen. Ich zog ihn raus und schaute auf den Absender. Es ist mein Mietvertrag den ich hätte schon seit über einer Woche haben sollte. Er kam genau an diesen Samstag kurz nach 9 Uhr.
Innerhalb der Woche bekommen wir die Post so gegen 12 – 13 Uhr. Am Samstag IMMER erst nach 13:30 oder 14 Uhr.
Es schien, als wolle Gott, dass ich wenigstens was DAS angeht jetzt meine Ruhe haben sollte. Denn einige von euch sahen ja an meinen Kommentaren hier auf dem Blog, dass ich mir doch langsam Sorgen machte.
Ich kann nicht verstehen warum an diesem Samstag die Post vier Stunden vor ihrer Zeit kam. Zum ersten Mal überhaupt! Offensichtlich wurde der Dienst getauscht, oder… ich weiß es nicht.
Aber so wurde mir wenigstens eine Last abgenommen.

Ich ging zum Bahnhof.
45 Minuten später stieg ich in den ICE nach Berlin.

Ich versuchte über Stunden meinen Vater zu erreichen.
Dann, endlich schaffte ich es. Es waren noch zwei Stunden bis Luckenwalde.
Ein Hoch auf die Handys!
Mein Vater war nicht zu erreichen weil er im Krankenhaus war und nur nach Hause ging weil er ja nicht wusste wann ich kommen würde. Er wollte von zu Hause aus noch einmal bei mir anrufen.
Ich fragte nach: Krankenhaus? Sie liegt im Krankenhaus?
Es ist jetzt fast peinlich hier zuzugeben, dass ich wirklich dachte, dass sie zu Hause liegen würde und wir dort von ihr Abschied nehmen könnten.
Mama hasste Krankenhäuser.
Und dann sagte Papa das was mich ganz hilflos machte: Mama wurde bereits am Freitag ins künstliche Koma gelegt.
Ich war ganz verzweifelt, weil ich doch unbedingt noch mit ihr reden wollte.
Aber weil er bei seinem Anruf am Samstag nur weinte hatte er vergessen es zu erzählen.
Deswegen nahm ich auch gleich den ersten Zug um so schnell wie nur möglich bei ihr zu sein.
Ich hatte mir sosehr gewünscht sie noch einmal erleben zu dürfen!
Dieses Telefonat zog die Tüte über meinen Kopf noch mehr zusammen.
Alle Geräusche um mich herum wurden noch leiser.

Gegen 15 Uhr kam ich in Luckenwalde an.

Mein Vater konnte mich nicht vom Bahnhof abholen weil er viel zu aufgeregt war um noch Auto fahren zu können.

Vor dem Haus angekommen klingelte ich.
Mein Vater öffnete die Tür, eine Umarmung, … wenige leise Worte.
Wir gingen in die Wohnung und ich legte den Rucksack ab und ging kurz ins Bad.
Dann gingen wir sofort zum Krankenhaus.

Papa sagte dass der erste Arzt sehr nett war, aber ein anderer überhaupt nicht, und dass er hoffe, dass jetzt der nette wieder Dienst hat.

Als wir auf der Intensivstation das Zimmer betraten indem meine Mutter lag war ich geschockt.
Ich hatte keine Vorstellung was mich erwarten würde, … jedenfalls nicht DAS was ich dann sah!
Noch nie zuvor habe ich aus einem Menschen so viele Kabel und Schläuche kommen sehen!
Rechts, Links und über ihr. Es müssen an die 20 gewesen sein.
Ihre Augen waren halb geöffnet. Sie waren Leblos.
Ich nahm ihre Hand.
Dann streichelte ich sie.

Obwohl sie beatmet wurde hatte man das Gefühl sie drohe zu ersticken!
Dann gab es ein Blubbern aus dem Gerät und Pieptöne überschlugen sich.
Schwestern kamen herein.
Die Maschine verstärkte ihr Blubbergeräusch sosehr dass der Kopf meiner Mama von rechts nach links bewegt wurde.
Papa weinte ab da noch mehr und er sagte, dass er für einen Moment raus müsse, dass er das nicht aushalten würde.

Rechts neben Mamas Bett – und den ganzen Apparaturen – war ein kleiner weißer Stoffsichtschutz der den Blick auf einen Mann freigab der zum verwechseln Ähnlichkeit mit Breschnew hatte.
Auch er lag im künstlichen Koma. Eine Krankenschwester war grade dabei seine Sonden aufzufüllen.

Kurz danach kam ein Arzt in das Zimmer.
Schon nach dem ersten Satz von ihm wusste ich welcher von beiden das war!
Er guckte mich kaum an, richtete seinen Blick nur auf meinen Vater und auf meine Mutter.
Am Fußende des Bettes meiner Mutter wippte er mit dem rechten Bein auf einer Metallstrebe auf und ab, beugte sich beim reden sosehr mit dem Kopf über das Bett, dass er seinen Kopf fast immer auf Schoßhöhe meiner Mutter hatte. Es war völlig respektlos!
Seiner Meinung nach war das Gehirn meiner Mutter jetzt „sowieso hinüber“ und er ließ uns wissen, dass ab Montag (Zitat:) “die ganze Maschinerie anrollen würde: Entmündigung, Vormund, Gerätemedizin!

Ich kannte den Wunsch meiner Mutter.
Und als wir von zu Hause losgingen sagte mein Vater noch zu mir, dass meine Mutter am meisten Angst hatte dass sie an Geräten angeschlossen, künstlich am „Leben“ gehalten würde. Todesangst hatte sie davor!
Eine Patientenverfügung hatte sie allerdings nie machen wollen.
Es ist – glaube ich – eine Generationsfrage. Sie hatte Angst, dass, wenn man sich damit beschäftigt, dass man dann sowieso bald sterben würde. Ich habe das schon unzählige Male von Menschen gehört. Und Papa weinte auf dem Weg dorthin und sagte, dass er diese Entscheidung doch nicht alleine treffen könne!
Er hatte Angst, … auch Angst vor den Menschen in diesem Kaff, die ihn vielleicht vorhalten würden, er hätte seine Frau umgebracht.
Ich habe ihn sofort gesagt dass Mamas Wunsch respektiert wird und dass ich dafür sorgen würde! (Auch ich will niemals künstlich am „Leben“ gehalten werden! Meinem Vater geht das genauso. Er sagte, dass wir ihm das nie antun dürften! Ich versprach es ihm.)
Also sagte ich das diesem Arzt.
Und dann – wie bereits erwähnt – beugte er sich wie ein Teenager über den Schoß meiner Mutter, wippte mit dem rechten Bein hoch und runter und sagte, dass er auf so eine Aussage oder einer Patientenverfügung ohnehin nichts geben tät, sie ihm nicht in geringsten interessierten und er dafür sorgen würde dass die „Maschinerie“ ab Montag anlaufen würde!
Diese Aussagen vom ihm – FALLS Mama das eben doch irgendwie mitbekommen haben sollte -  müssen ihr unendliche Angst gemacht haben!
Das war seine ganz klare Aussage an sie und an uns: Ihm interessieren weder die Wünsche meiner Mama noch unsere! Punkt.

(Sobald ich kann werde ich hier Weiterschreiben)

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Ich möchte meine kleinen Danksagungen hier gerne weiterführen:

Mimis Mama hat mir im Namen ihrer Familie eine wunderschöne Klappkarte geschickt, mit Worten die mich sehr tief berührt haben. Danke Mimimama – und Mimifamilie!

Und ich danke noch dem Zirkuskind, die nach Köln fuhr und extra für meine Mama eine eigene Kerze im Kölner Dom aufstellte! Vielen vielen Dank dafür!

Ihr seid hier alle wirklich ein unheimlicher Rückhalt für mich!

Ich danke euch sehr, wenn ich auch auf Mails nicht so gut antworten kann, dann kann ich es doch wenigstens hier.

3x gerumpelt | mitrumpeln?

  1. Sehn.sucherin*

    Oh Rumpel, es tut mir furchtbar leid, dass Du nicht mehr mit Deiner Mama sprechen konntest, es tut mir so leid… Aber auch ich glaube fest daran, dass sie weiß, dass Du da warst. Dass Du bei ihr warst. Du und Deine Vater. Ihre Familie.

  2. lady m

    Es gibt “Ärzte”, denen sollte man sofort die Lizenz entziehen. Oder sie dazu zwangsverpflichten, einen Extra-Kurs in der MENSCHLICHKEIT zu absolvieren…

    es drückt Dich !!!

  1. 1 Elternlos.de-Blog » Rumpelwald zu Gast bei Elternlos

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