Mein Vater war schon beim Bäcker um Brötchen zu kaufen.
Er ist Frühaufsteher.
Meine Mama lag immer bis gegen 8 Uhr im Bett, weil sie der Medikamente wegen einen bestimmten Rhythmus einhalten musste.
So ging jeder auf seine Weise in den Tag.
Nach dem Brötchen kaufen und den Tisch decken kümmert er sich noch um den kleinen Garten hinter dem Haus.
So war es auch am Freitag.
Als er im Garten war dachte er, dass er jetzt schon mal langsam die Kaffeemaschine anstellen könnte weil Mama gleich runter kommen müsste. (Das Schlafzimmer meiner Eltern liegt im ersten Stock des kleinen alten Hauses.)
Als er in den Hausflur kam sah er meine Mama im oberen Drittel auf der Treppe sitzen.
Er sagte sofort: Bärbel, was ist denn mit dir los?
Ich weiß auch nicht, mir ist schwindlig… mir wird schwarz vor Augen!
Mein Vater ging ganz schnell raus in den Garten um etwas dort abzulegen, oder zu holen… weiß nicht mehr genau was er mir sagte.
Als er dann sofort zurück in den Hausflur ging lag meine Mama unten am Boden. Sie muss versucht haben in diesen wenigen Sekunden alleine die Treppe herunterzugehen.
Mein Vater sagte dass sie kurz weg – nicht ansprechbar – war.
Er versuchte zusammen mit der Mieterin die nebenan wohnt Mama hochzuheben.
Es gelang ihnen nicht.
Mama schlug mit den Armen herum. Sie erkannte meinen Vater nicht, … für Sekunden jedenfalls.
Dann sagte mein Vater ganz aufgeregt, dass er jetzt den Notarzt rufen werde.
Meine Mama die solch eine Angst vor Ärzten und Krankenhäusern hat sagte sofort: Nein! Ich leg mich ein bisschen hin, dann geht das bestimmt gleich wieder!
Aber mein Vater hatte solche Angst dass er es dennoch tat als meine Mama wieder ohnmächtig zu werden drohte.
Der Notarzt war – so mein Vater – nach spätestens 7 Minuten da.
Sie wurde noch vor Ort behandelt und auf die Liege des Notarztwagens gehoben.
Mein Papa sagte zu Mama: Bärbel, ich liebe dich!
Und Mama sagte: Ich dich doch auch!
Der Krankenwagen raste los.
Mein Vater musste lange warten bis die Ärzte etwas sagen konnten, denn es war nicht zu erkennen was sie hatte. Jedenfalls hatte es nichts mit ihrer Parkinsonerkrankung zu tun.
Sie wurde auf Verdacht auf Lungenembolie behandelt, was sich erst später als richtig herausstellte! Sie ist letztendlich auch an der Lungenembolie gestorben.
Noch an dem Freitag ist meine Mutter mehrfach gestorben. Mein Vater erzählte mir, was mir dann auch noch beim persönlichen Gespräch der nette Oberarzt Tage später erklärte – der ja der Diensthabende Arzt an dem Tag war als Mama eingeliefert wurde - dass meine Mama über eine Stunde lang genau viermal Wiederbelebt werden musste.
Und er sagte zu meinem Vater: Wenn sie diese Nacht überlebt dann wäre das schon ein Wunder! Haben sie Kinder, dann rufen sie die jetzt bitte an!
Und dann rief mein Vater an und ich hatte doch das dumme Telefon herausgezogen und hörte es nicht.
Am Samstag erreichte er mich dann ja, und zwei Stunden später saß ich im ICE nach Berlin.
Von dem Freitag an bis zu ihrem Tod am Montagnachmittag wurde sie noch mehrfach wiederbelebt.
Aber wir bekamen das Wunder, dass ich sie noch sehen konnte, wenn auch nicht mehr bei Bewusstsein.
Weil mein Vater hoffte, dass wir ja vielleicht doch noch eine winzig kleine Chance mit Mama haben, rief er meinen Bruder noch nicht an.
Uwe war erst wenige Wochen zuvor bei meinen Eltern gewesen. Sie konnten sogar für einen Tag nach Polen fahren, und Mama sagte: (wie mein Vater mir erzählte) Wenn Wolfgang jetzt noch hier wäre, dann wäre alles Perfekt! Papa ist froh, dass wenigstens mein Bruder meine Mama noch so toll erleben durfte. Es war wirklich ein Geschenk für ihn!
Und mein Vater hatte noch eine andere Sorge: Mein Bruder lebt an der Nordsee und arbeitet dort als Maurer.
Durch diese ganze Finanzkrise bauen die Leute weniger Häuser, und kaufen sie ein altes Haus, dann bauen sie es lieber alleine aus. Somit hat er Angst seinen Job zu verlieren sollte er nach Luckenwalde kommen müssen, und es eben vielleicht doch nur „falscher Alarm“ wäre.
Ich muss dazu sagen, dass meine Mama schon vor einigen Jahren einen Punkt hatte wo man nicht wusste ob sie den nächsten Tag noch erleben würde.
Ich rief damals eine Freundin an und wir fuhren dann für einige Tage zu ihr.
Das hatte sie damals dann doch überlebt, Gott sei Dank!
Und dann dachte Papa, dass WENN er jetzt doch kommt, dann müsste er ja Wochen später erneut kommen, zur Beerdigung! Und was wäre wenn der Chef da nicht mehr mitspielen würde? Ich finde es auch schlimm dass man an so was alles denken muss, aber leider ist das eben heute so: Hast du Arbeit, versuche sie unbedingt zu behalten!
Am Montag mussten wir Uwe anrufen. Ja, wir mussten.
Doch wir wollten warten bis nach 21:30 Uhr.
Papa war wichtig dass wir ihn seinen Tag lassen und ihm den nicht versauen wollten.
Der 17. August ist nämlich ein besonderer Tag für Uwe; es ist sein Geburtstag!
Papa nahm den Hörer und gratulierte ihm.
Dann gab er mir den Hörer um meine dummen Geburtstagswünsche hineinzuquatschen. Mein Kopf war doch ganz woanders…
Und dann fragte ihn Papa: Uwe. Stehst du, oder sitzt du grad?
Gut. Gut, dass du sitzt.
Ich muss dir etwas sagen. Mama ist gestorben!
Mein Bruder saß im Garten, sie waren alle am Grillen und gut gelaunt.
Dann kam unser Anruf…
Nach dem Telefonat wollte ich wissen wie er es aufgefasst hat.
Papa sagte dass er ganz ruhig war, ganz leise, dass er denke, dass er einen Schock hatte.
Etwa eine knappe Stunde später klingelte das Telefon.
Die Frau meines Bruders (wir haben keinen Kontakt miteinander muss ich dazu sagen) war dran. Klaus, sag doch mal was passiert ist! Uwe sitzt seit einer Stunde in der Ecke und weint. Es ist kein einziges Wort aus ihm rauszubekommen!
Papa erzählte was geschehen ist…
Am 11. September wird die Beerdigung sein.
Den uns vorgeschlagenen Termin – 17. September - konnten wir wirklich nicht annehmen, … an dem Tag hat mein Papa Geburtstag!
Er fing im Beerdigungsgespräch sofort zu weinen an als es um dieses Datum ging.
Ich akzeptiere den Beerdigungswunsch meiner Eltern. Wir haben ja nie darüber gesprochen… aber meine Eltern haben es längst für sich beide entschieden: Sie wollen verbrannt werden und dann beide ein anonymes Armenbegräbnis bekommen. Auf einer Wiese auf dem Friedhofsgelände.
Sie war gedacht für HartzIV – Empfänger und anderen Menschen mit wenig Geld.
Es ist so, dass meine Eltern nie viel Geld hatten. Sie haben etwas gespart für die Beerdigung und haben ansonsten sehr bescheiden gelebt und nur durch Strom und Wasser sparen monatlich etwas Geld für uns weglegen können. Eltern sind so!
Und dann haben sie sich gesagt, dass das was sie uns nur hinterlassen können so wenig ist, dass das dann auch noch für die Grabpflege weggehen würde. Und er fragte Mama Willst du das? Den beiden wird es nach unseren Tod sowieso schon schlecht gehen, willst du, dass sie dann auch noch dafür bezahlen müssen? Uwe lebt an der Nordsee und Wolfgang in Göttingen. Sie müssten dann jemanden beauftragen. Er hatte sich erkundigt, bei einem Urnengrab wären es da mehrer Hundert Euro im Jahr. Und dann entschieden beide gemeinsam das sie dass auf keinen Fall wollen.
Mein Papa sagt, dass vor dieser Wiese immer Blumen stehen. Und das mag er.
Er hat sie mir gezeigt. Die Wiese ist ziemlich genau so groß wie meine Wohnung, ca. 20qm würde ich schätzen.
Und ich möchte da später auch gerne beerdigt werden. Ich brauche kein eigenes Grab.
Ich werde sowieso alleine bleiben und wer sollte dahin kommen und es besuchen?
Das habe ich nun für mich auch so entschieden.
Da liegt eh nur der Körper. Die Seele, … also DAS was einen Menschen ausmacht ist dann schon längst nicht mehr da, sondern eh an einem anderen Ort.
Es ist dann egal wo man des Toten gedenkt, man kann dann überall mit ihm reden.
Leid… ein bisschen Leid tut es mir dennoch.
Meine Mama war immer so leise, so unauffällig… so NIE im Mittelpunkt stehend… Und nun wird es nicht mal einen Namen geben den man dort lesen wird.
Unauffällig noch im Tod.
Menschen die uns zusammen erlebt haben sagten immer, dass ich “ganz die Bärbel bin!”
Ich sehe das als Ehre an!
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Ich werde noch schreiben was mich ein weinig „beruhigt“ am Tod meiner Mama, dass was sie noch erlebt haben. Und dafür bin ich soooo dankbar!
Aber ich musste das heute so schreiben/erklären weil ich an den Mails sehe dass ich noch nichts über die Todesursache geschrieben hatte. Ich sag ja… mein Kopf.
Und ich will mich auch noch entschuldigen für Kommentare die ich nicht frei geschaltet hatte.
Als ich aus L´walde zurückkam sah ich einige Kommentare von Menschen die hier noch nie Kommentiert hatten und in der Moderation lagen. Ich drückte immer schnell auf „Genehmigen“ und erst hinterher sah ich, dass einige im Spam landeten. Spam lösche ich sofort ohne dort noch nachzugucken. Ich sehe „14 Spam“ und drücke auf löschen, fertig. Als “2 Spam” angezeigt wurden und ich doch mal raufklickte fand ich zwei Kommentare, einen von dir Merlon! Also vermute ich mal dass einige eurer Kommentare bei „Angst“ von mir als Spam leider gelöscht wurden. Tut mir sehr leid!
Ich möchte dir, lieber Herr John, noch für diesen Blogeintrag (”Viel kommt hoch und verstört mich”) danken! Und ich will dir und Merlon, und auch den anderen sagen, dass ich selber gegen diesen Arzt vorgehen möchte, die Entscheidung darüber aber meinem Vater überlassen will. In diesem Kaff kennt jeder jeden…
10x gerumpelt | mitrumpeln?
30. August 2009 || 17:55
Lieber Rumpel,
habe gerade eine Gänsehaut, auch mein Opa ist an einer Lungenembolie gestorben. Und am 11. September habe ich Geburtstag.
Bin ganz leise bei dir… Herr Rumpel…
31. August 2009 || 03:15
Nur kurz, weil ich gerade keine Worte habe (ich schreib dir aber spaeter noch) – ich bin sehr froh, dass du deine Mama noch einmal sehen konntest, das ist viel wert. Meine Gedanken sind bei dir – und ich hoffe, die Sterne wachen heute Nacht ueber dich und du kannst schlafen.
Liebe Gruesse.
31. August 2009 || 08:30
Auch ich wollte Dir viel Kraft wünschen,
für mehr reichen meine Worte nicht,
und mehr muss auch nicht gesagt werden, denke ich.
Ich wünsche Dir einen behüteten Tag.
31. August 2009 || 13:34
Draußen steht der Rasenmähr, aber noch legen die nicht los. Also kann ich wenigstens diese drei Kommentare noch schnell beantworten. Am liebsten hätte ich das eh bei allen getan, denn das hätten alle anderen auch verdient, aber es geht einfach nicht…
@ Sehn.sucherin*
Oje… du auch?
Auch eine alte Freundin von mir hat da Geburtstag, an die musste ich dann auch gleich denken.
Sei lieb gegrüßt
@ Einhandseglerin
Ich danke auch dir!
Auch wenn ich sie nicht mehr bei Bewusstsein erleben durfte so bin ich dankbar für die drei Besuche wo sie noch irgendwie lebte. Am Samstag als ich mit ihr redete, also erzählte… da liefen ihr zweimal Tränen aus dem linken Auge! Vielleicht hat sie mich ja wirklich wahrgenommen, vielleicht war es auch nur die Chemie des Körpers, … weiß ja nicht. Aber ich wünsche mir Ersteres.
Ja, im Moment kann ich schon gegen 22 Uhr einschlafen und bin dafür eben früh wach. Weißt du, die Eltern meines Vermieters sind noch immer nicht hier, deswegen kann ich jetzt schlafen wenn ich muss, wenn der Körper es verlangt.
Liebe Grüße dir
@ Wuschel
Das ist lieb von dir! Vielen Dank auch dir für die Grüße hier!
Ich danke euch.
01. September 2009 || 08:42
Mir fließen einfach so die Tränen…ungefragt trauere ich mit dir und hoffe es ist dir recht!
Erst gestern erzählte mein Mann mir das er eine neue Art Friedhöfe wünschte.
Einen Friedhof der gleichzeitig ein Park ist. Ein Park indem sich Menschen zum verweilen treffen, wo die alten Männer Schach spielen und die Kinder auf dem Klettergerüst ihren Mut beweisen und auf dessen Rasen die Jugendlichen Fussball spielen. Die Toten wären so dabei, bei uns im Leben, jeder könnte sich an den Blumen und Bäumen erfreuen und würde mit Freude verweilen und an die Lieben denken welche in der Erde mit ihrer Urne beigesetzt wurden! Ein schöner Gedanke!
Ich wünsche dir und deinem Vater und Bruder weiterhin viel Kraft! ♥
01. September 2009 || 12:15
Liebe Bonafilia!
Das ist eine ganz ganz großartige Idee die ihr da hattet!!
Wenn es das doch nur geben könnte… es wäre so genial! Es wäre eben nicht NUR ein Ort der Traurigkeit sondern ein Ort des Lebens!
Daraus sollte man wirklich eine Bewegung machen… Wir Menschen hätten alle weniger Angst wenn der Tod dem Tabu entrissen und somit zurückgestellt ins Leben wird, denn er war ja immer Teil des Lebens.
Eine wunderbare Vorstellung!
Danke für diesen schönen Kommentar!
01. September 2009 || 13:55
Also, ich gehe gerne auf Friedhöfe. Die sind wie Parks, so grün die Bäume, die bunten Blumen, die Vögel zwitschern, es ist friedlich. Ich finde Friedhöfe so richtig entspannend.
02. September 2009 || 16:30
@Violine
..aber die Friedhöfe sind still, ohne Leben ohne Zukunft! Sie machen die meisten Menschen traurig…die Toten sollen in uns weiter leben und wir sollen mit fröhlichen Gedanken bei ihnen sein. Auf den meisten Friedhöfen geht das einfach nicht!
Mich deprimieren die Friedhöfe!
13. September 2009 || 16:16
weißte, ich heule grad total. könnte auch an meiner eh schon kümmerlichen tagesverfassung liegen. aber sterbende mamas…sowas geht mir immer sehr an die nieren. ich hab ja auch eine mama, und denke viel zu oft drüber nach was ist wenn sie mal weg ist…
ich wünsch dir viel kraft.