Die letzten Tage.

Ach Klaus! Du weißt doch wie wir aussehen, … wozu Fotos?
Na, es kann doch immer mal etwas passieren. Und für die Kinder!
Meinetwegen. Aber nicht jetzt.
Erst nachdem ich beim Frisör war!

(Dabei war Mama nie eitel. Sie mochte einfach keine Fotos von sich.)

Dieser Dialog fand nur ganz wenige Tage vor dem Tod meiner Mama statt.
Die letzten Fotos von ihr sind etwa vier Jahre alt.
Mama war da genau wie ich, … sie mochte es nicht fotografiert zu werden.
Papa weinte, … er sagt „Hätte ich doch nur drauf bestanden! Nun habe ich nicht einmal neue Fotos von ihr!“
Jetzt macht er sich Vorwürfe nicht darauf bestanden zu haben!

Mein wichtigster Wunsch nachdem ich das mit der Wohnung hier geklärt hatte, war, dass ich meine Eltern auf Video aufnehmen wollte. Noch kurz vorher sagte ich das einer Freundin.
Von meiner Omi hatte ich schon keine Aufnahmen, so wollte ich doch nun wenigstens meine Eltern der Kopfvergesslichkeit entreißen.

Nun hatte ich also diese Wohnung gefunden.
Ich wollte noch den Mietvertrag abwarten, der mir Tage später zugeschickt werden sollte.
Dann dauerte es doch noch zwei Wochen bis er kam.

So wollte ich also noch im August/spätestens Anfang September nach Luckenwalde fahren um sie zu besuchen.
Ich kann das eben leider alles nicht mehr ändern!
Auch, dass ich ihr nie sagen konnte wie lieb ich sie hatte.
Wie kommt das nur? Hier kann ich doch auch ein „Hab dich lieb!“ sagen. Warum fällt das bei der eigenen Familie so schwer?

Ich möchte hier gerne noch festhalten woran ich in den letzten Tagen viel denke.
Meine Mama hatte die Tage zuvor noch eine wunderschöne Zeit erlebt!
Daran halte ich mich jetzt ganz doll fest.

Mama und Papa machten im Sommer ihre Tagesausflüge mit dem Auto.
Für meine Mama war es das Allergrößte! Sie liebte es sosehr!
Diese Fahrten machten sie bei schönem Wetter etwa 2 – 4 Mal im Monat.
Und weil meine Eltern immer überall sparen mussten gaben sie ihren Nissan in Zahlung und kauften sich vor Monaten einen neuen Golf. Einen Diesel.
Sie haben mir das nicht erzählt, weil sie mich hier in Göttingen damit überraschen wollten.
Bei jedem der letzten Telefonate hatte Mama Angst dass mein Vater sich am Telefon verquatschen könnte.
Mama sagte zu ihm: Na da wird Wolfgang Augen machen!

Sie wollten sich endlich meine kleine 21qm – Welt angucken und mich dann mit nach Luckenwalde nehmen. So war es geplant.
Und nun sind wir traurig dass alles so anders kam!
Papa macht sich nun also auch darüber Vorwürfe dass er noch diesen Wagen gekauft hat.
Er sagt dass er jetzt gar nicht mehr fahren will. Seine Sorge ist nun die, dass es doch sozusagen unser Erbgeld war. Papa, ich scheiß auf das Geld! Ich will lebende Eltern haben!
Papa überlegte lange, aber dann kaufte er sich diesen Diesel. Er erzählte mir, dass man da – wenn man ihn viel fährt/Was sie ja vorhatten -  am Ende billiger weg käme als mit einem Benziner. Das war die einzige Überlegung dabei. Wer hätte denn ahnen können, dass…

Bei den Tagesausflügen war es immer so, dass sie morgens losfuhren und abends wieder zu Hause waren.
Dass sie mal irgendwo übernachtet haben – so wie in Kiel vor zwei, drei Jahren – das war die absolute Ausnahme. Zum einem wegen dem Geld, zum anderen weil es meiner Mama durch die Unmengen von Tabletten am nächsten Tag einfach so schlecht gehen könnte, dass sie eine Fahrt nicht aushalten würde vor Schmerzen. Daher waren diese Ausflüge immer nur kurz vorher geplant worden, aber erst der Tag entschied dann ob es meiner Mama überhaupt möglich wäre zu fahren.

Als ich in Luckenwalde war, erzählte mir mein Vater wie sie die letzten Wochen, aber auch speziell die letzten Tage verlebt haben:

Mein Bruder war ja Wochen zuvor noch bei ihnen. Sie konnten herumfahren und Mama ging es – soweit man das von einer Parkinsonerkrankung sagen kann – den „Umständen entsprechend gut“ und auch andere die sie erlebten in letzter Zeit bestätigten mir das.

Am Freitag kippte sie plötzlich um, aber an den Drei Tagen davor sind sie weggefahren!
Noch NIE haben sie das gemacht… noch nie!
Im Schnitt fuhren sie alle zwei Wochen weg, oder sie versuchten auch eine Zeitlang mal einmal pro Woche wegzufahren, aber oft war das leider nicht möglich.
Und dann sagte meine Mama am Dienstag zu meinem Vater, dass sie so gerne zu den Fähren fahren würde.
(Ich muss noch mal fragen wie genau dieser Ort heißt.)
Jedenfalls ist es irgendwo an der Elbe und man konnte dort auf einer Bank sitzen und den Fähren nachschauen und Enten füttern.
Mama liebte alles was mit Meer, Schiffen und Wasser zu tun hatte.
Sie waren ja einmal in Kiel und Mama mochte es sehr und konnte verstehen dass ich dahin will! Wenn ihr auch – wie mir – die Größe der Stadt Angst machte.

Ja, das war der eine Tag von den letzten Tagen ihres Lebens.
Und abends fragte sie Papa ob sie nicht Morgen noch einmal nach Rühstädt fahren könnten. Rühstädt ist das Storchendorf Deutschlands. Nirgendwo gibt es so viele Störche wie dort. Mama liebte Tiere über alles!
Und dann entschieden sie sich spontan am nächsten Tag dorthin zu fahren.
Am Donnerstag machten sie noch eine Fahrt zu einem Ort ihrer Sehnsucht, auch den zu sehen war ihr noch wichtig.

Am Tag darauf fiel sie um…

Papa sagte, dass man das oft hört: Es sei wie ein letztes Aufbäumen, so, als wisse das Leben, dass es jetzt den Körper zurücklassen müsse.

Noch einmal schöpften sie alles an Leben aus.

Mein Vater ist so unendlich froh dass er ihr das alles noch erfüllt hat, wenn man auch an den Tagen nicht ahnen konnte was danach geschehen würde…

Ich bin meinem Vater sooooooo dankbar dafür!!!

Mein Vater ist kein einfacher Mensch, das muss ich hier auch mal sagen.
Und eigentlich wäre es seine Art zu sagen: Bärbel, wir waren doch gestern erst weg! Lass uns mal ein paar Tage abwarten, es läuft uns ja nicht weg. Wir können ja nicht jeden Tag herumfahren!
Mein Vater hätte sich das – jetzt, im Nachhinein gesehen – NIE verziehen!

Allein an der Tatsache dass meine Mama noch einmal die Orte ihrer Sehnsucht sehen wollte, an einem Stück sozusagen, zeigt mir, dass – wenn ganz sicher auch nicht in ihrem Kopf, aber wohl doch in ihrer Seele – über ihren Tod schon längst entschieden worden war!

Mama starb NICHT im Schmerz. Sie starb mitten im Leben. Ganz ohne schmerzvolle Monate des Leidens…
Danke. Danke Gott… danke dafür!
Und im Nachhinein sagen alle was für ein Schock es sei, weil es ihr doch grade so „gut“ ging.
Ich freue mich sosehr dass zu hören, dass es eben NICHT heißt, „nach langer schwerer Krankheit“!

Ich weiß grad nicht…
Wie… wie ehrlich darf man sein hier an diesem doch sehr öffentlichen Ort?

Doch, … ich erzähle jetzt auch davon was Papa mir am Samstag erzählte.
Etwas, dass mich schockte/verwirrte als ich davon erfuhr.

Es liegt nur Monate zurück, erzählt er.
Sie fuhren eine der berühmten ungezählten Alleen Brandenburgs entlang.
Und dann sagte Mama zu ihm: Ich wünschte wir könnten jetzt einfach gegen einen Baum fahren um ZUSAMMEN zu sterben!
Sie hatte solche Angst ohne Papa weiterleben zu müssen.
Wie ich schon sagte, Männer der Familie K. werden nicht alt.
Und sie entschieden sich dagegen, wegen uns… den Kindern.

Liebe bis in den Tod.

Papa hat mir versprochen – weil er doch jetzt so gerne mit ihr zusammen Tot wäre – doch noch hier zu bleiben, … unseretwegen.
Ich reche ihm das hoch an!

Ein bisschen noch soll er für SIE Mitleben…

Auf einem der wunderschönen Fotos die ich von beiden mitnehmen durfte sieht man ein Bildhübsches Paar.

Er, ein wirklich cooler Typ. Die Haare. Das Lächeln.
Seine Hand um ihre Hüfte geschlungen.
Sie, eine strahlende Schönheit mit einem Versprechen an das Leben.
So hübsch, dass ich mich sofort in sie verlieben würde, … und ein Gesicht voller Güte!

Das Foto zeigt meine Eltern am Tag ihrer Hochzeit.

Als Papa mit dem Handrücken über das Foto fuhr starb auch er.
Nur für einen Augenblick.
Aus dem ER – dass er jetzt doch ist – wurde wieder ein WIR.

Und sie werden sich Wiedersehen! Daran will ich glauben…
Eines Tages.
Nur da wird es anders als bei ihrem Kennenlernen sein, denn damals fuhr er mit seinem Motorrad an ihr vorbei und sprach sie einfach an: Darf ich dich nach Hause bringen?

Irgendwann wird Mama vor ihm stehen und fragen: Na du… darf ich DICH jetzt nach Hause bringen?

8x gerumpelt | mitrumpeln?

  1. Himmelskind

    Rumpel, ich hoffe, dass dir das Schreiben über deine Gefühle und diese schrecklichen Tage eine Hilfe ist.
    Ich weiß, dass es mir in den bis jetzt für mich schlimmsten Tagen meines Lebens sehr geholfen hat und ich hoffe, dass es dir auch so geht.
    Alleine das Lesen hier tut oft schon weh und ich wünsche Dir alle Kraft dieser Welt, die Zeit der Trauer zu überstehen.

    Die letzten beiden Absätze in deinem Eintrag heute… ich weiß überhaupt nicht, was ich dazu sagen soll. Diese Sätze haben mich wirklich mitgenommen.

    Ellen/Himmelskind

  2. Zirkuskind

    Das hast du alles wirklich sehr schön geschrieben..*schnief*

  3. annajuliana

    Ich weiß gar nicht was ich sagen soll.
    Es ist nicht vorstellbar was dein Vater durchmachen muss.

    Ich wünsche ihm, dass es bald besser geht… das hat er verdient.

    Ich drück dich.
    deine AnnaJuliana

  4. MamaKatinka

    Manchmal ist das Leben hart. Kann nicht verstehen was um uns herum passiert, will es nicht verstehen und nicht begreifen. Und gerade den Tod eines geliebten Menschen will man oft nicht akzeptieren.
    Es ist sehr gut, dass deine Mutter noch ein paar Wünsche erfüllt bekommen konnte. Auch wenn das hart klingt: sie ist glücklich von dieser Welt gegangen. Und an diesen Gedanken kannst du dich festhalten. Immer wenn du einen Storch, eine Fähre sehen wirst, wird dich das an deine Mutter erinnern und du wirst in Gedanken mit ihr verbunden sein. Ich bin ein gläubiger Mensch und darum sage ich: ja dein Vater wird irgendwann mit deiner Mutter wieder vereint sein. Auch du wirst irgendwann bei ihr sein. Es ist Gottes Bestimmung.
    Ich kann das alles nachvollziehen weil meine Mutter vor vier Jahren gestorben ist…

    Ich wünsche dir und deinem Vater viel Kraft für diese schwere Zeit.

  5. Rumpelwald sagt:

    @ Himmelskind
    Liebe Ellen, ja… es hilft mir sehr! Weißt du, wenn ich darüber REDE tut es mir mehr weh als das Schreiben hier. Auch weil ich immer alles der Reihe nach erzähle muss wenn mir Menschen die ich lange nicht mehr sah fragen, warum ich so “schlecht” aussehen würde.
    Es ist Schreibtherapie für mich.
    Lieben Dank für deine Worte Ellen!
    @ Zirkuskind
    Danke auch dir! Und auch hier will ich dir noch einmal danken für all deine Hilfsangebote der letzten Tage, dass du den Schreibkram erledigen würdest ect…
    Sehr großen Dank dir!
    @ AnnaJuliana
    Ich danke dir für alles! Für deine Worte und … ach, überhaupt ;)
    Lass dich drücken!
    @ MamaKatinka
    Ich danke auch dir sehr doll für deinen Kommentar hier auf Rumpelwald.
    (Jetzt kann ich grad mal auch direkt antworten was in den letzten Tagen einfach nicht recht gelingen wollte wenn hier kommentiert wurde)
    Oh… dann sprichst auch du aus eigener Erfahrung! Das tut mir sehr leid, dass auch du deine Mama verloren hast!
    Ja, das sagte ich auch zu meinem Vater: Ohne meinen Glauben… ich würde nicht mehr hier sein wollen.
    Weißt du, sie wollten noch zu mir in diesem September und sie wollten noch einmal in den Harz.
    Beides blieb ihnen verwehrt. :(
    Mein Vater hat schon recht wenn er sagt “Was hatte sie denn schon vom Leben?”
    Immer gearbeitet und dann noch nicht mal ein richtiges Alter. 65 ist einfach noch nicht alt. Aber ich bin einfach nur dankbar, dass sie jetzt diese Fahrten und diese scheinbare “Gesundheit” noch hatte, dass ihr diese letzten Wochen so geschenkt wurden.
    Liebe Grüße auch dir

  6. Herr John

    Shalom Rumpel. Hach ja, es gibt so viele Stellen in deinem Eintrag zu denen ich etwas hätte sagen wollen. Zum einen ist da dein Wunsch, deine Eltern nochmal auf Video zu haben. Das ist nicht immer einfach. Ich erinnere mich noch daran, dass ich auf einem Straßenfest plötzlich so erschrak weil da etwas war das mir die Haare zu Berge stehen lies, wie elektrisiert fühlte sich alles an. Sie hatten auf dem Fest alte V8 Bänder abgespielt und auf einem, dem dritten oder zweiten, dass weiß ich nicht mehr war dann mein Vater zu sehen und vorallem zu hören. Ich drehte mich um und sah ihn auf dieser großen Leinwand im Gemeindezentrum und mir wurde ganz übel und ich war so überfordert davon. Ich stand auf und lief davon. Ein wenig war ich genau so wie das was du über deinen Bruder geschrieben hast. Und das wirklich schlimme daran, wenn ich mir heute die Bänder anschaue, dann bemerke ich erst wie schnell man die Stimme von einem geliebten Menschen vergißt. Ich bin ein wenig froh das du das nicht gemacht hast Rumpel. Die Erinnerung im Kopf ist um vieles schöner. Als mein Großmutter im letzten Jahr starb, mitten im Pessach, da war ich es der das letzte Bild von ihr geschossen hatte. Zwei Tage bevor sie starb. Auch das ist im nachhinein nicht so einfach für mich gewesen. Man schaut das Bild mit ganz anderen Augen an. Ja.

    Alles in allem möchte ich sagen, das was Du geschrieben hast ist ein so wunderschöner Aufruf zum Leben. Danke Wolf.

  7. R.

    Kann …. können Worte tiefer aus dem Herzen kommen als dieser Eintrag??
    JEDES einzelne Wort ist ein Hort der Liebe deiner Seele! Selten hat mich etwas SO berührt wie diese so zarten liebevollen und gleichzeitig warmen Sätze von dir.
    Darf ich sagen, daß sich dieses Stück Herz in Worten, auch wenn es ein trauriger Anlass ist, wunder.schön anfühlt…??
    Die Liebe deiner Eltern berührt mich. Ihre LebensbeJAhung. Daß deine Mama noch so viel Schönes erleben durfte.

    Ich kann gut verstehen, daß du traurig bist, daß dir ganz aktuelle Fotos fehlen.
    Bei mir ist das anders, es existieren einige Fotos weil es meiner Ma über Jahre schlechtging bevor sie erlöst wurde, und manchmal wünschte ich, diese Dokumente des Grauens nicht zu besitzen… die Bilder sind sowieso ewig in den Kopf zementiert.
    Aber man behält immer die guten Bilder am stärksten im Kopf :)
    Und als ich vom Hochzeitsfoto deiner Eltern las mußte ich lächeln, denn so eines habe ich auch von meinen Eltern, es ist so wunderschön wie die deine Beschreibung.
    Ich möchte deinem Papa auch so viel Kraft und Mut wünschen, es ist als ob ich das Schicksal meines eigenen nochmals sehen könnte.

    Ich hoffe du findest über das Schreiben einen von vielen möglichen Wegen, deinen Schmerz zu kanalisieren. Du bist damit nie allein, hörst du??
    Ich umarme dich mal sanft.
    Sei behütet.

  8. tonni

    Ach Rumpel.
    Eine ganze Weile war ich nicht mehr hier im Rumpelwald und habe nun gelesen und gelesen.
    Es tut mir sehr sehr leid. Ich sende Dir von ♥ liebe Gedanken, Kraft und Mut. A4ch Kraft und Mut, Möglichkeiten zu finden, D5ch fallen zu lassen in Deinen Schmerz und wieder hinaus zu finden.
    Eine leise Umarmung
    vom NebeLmädchen

Mitrumpeln?